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Kurzeinführung Arbeitsmarkttheorie

Auf die Frage, wie der Arbeitsmarkt funktioniert und wie Arbeitslosigkeit entsteht, hat es bis in die jüngste Zeit äußerst kontroverse theoretische Antworten gegeben. Allmählich hat sich aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Phänomen Arbeitslosigkeit, wie es derzeit vor allem in europäischen Ländern zu beobachten ist, überwiegend ein sogenanntes strukturelles Phänomen ist.

Damit hat das Problem zwar einen gebräuchlichen Namen, aber es ist weder erschöpfend erklärt noch einer politisch befriedigenden Lösung nähergebracht. Erklärt ist auch nicht, warum das Ausmaß der Arbeitslosigkeit national und regional so stark divergiert, und noch weniger, warum die politischen Reaktionen auf diese strukturelle Arbeitslosigkeit so unterschiedlich ausfallen.

Das Reformforum Neopolis stellt eine Erklärung des Arbeitsmarktgeschehens vor, das dem Begriff der strukturellen Arbeitslosigkeit einen neuen Inhalt gibt (siehe hierzu insbesondere den einführenden Essay Die Logik des Arbeitsmarktes). Die Arbeitsmarktentwicklung der jüngeren Zeit hat gezeigt, dass dieser Erklärungsansatz zu zuverlässigeren Prognosen geführt hat als herkömmliche Theorien. Er hat insbesondere die Dauerhaftigkeit der hohen Arbeitslosigkeit in den meisten europäischen Staaten wie auch die sehr disparaten nationalen und regionalen Arbeitsmarktentwicklungen vorhersagen helfen.

Strukturelle Arbeitslosigkeit lässt sich in der Theorie als reines Lohnstrukturproblem deuten. Das bedeutet, dass die strukturelle Arbeitslosigkeit fast vollkommen verschwinden könnte, wenn vollständig marktgerechte Relationen für die Arbeitsentgelte gefunden würden.

Wird dieser Erklärungsansatz ausschöpft, umfasst er auch solche Arbeitslosigkeit, die aus einem nicht marktkonformen, d.h. zu hohen Lohnniveau resultiert – und damit nach herkömmlichem Verständnis eher konjunkturellen Charakter hat. Ein “falsches” Lohnniveau ist nämlich in der Realität nichts anderes als das Ergebnis einer Vielzahl einzelner und kollektiver Arbeitsverträge, die immer nur teilweise, aber nie ausschließlich marktwidrige Arbeitsentgelte beinhalten. So gesehen, lässt eine dauerhafte hohe Arbeitslosigkeit sich auch aus systematischen Einflüssen auf die Lohnstrukturbildung erklären. Darauf aufbauend, kann “konjunkturelle” Arbeitslosigkeit aus Schwankungen solcher Einflüsse auf die Lohnstruktur erklärt werden.

Welche Faktoren prägen die Lohnstruktur? Die grundlegende theoretische Antwort hierauf ist simpel. Die Lohnstruktur wird zum einen von Marktkräften geprägt: Der Markt bestimmt die Höhe des Entgelts, das einer Arbeitskraft an einem bestimmten Ort in einem bestimmten Umfeld für eine bestimmte Tätigkeit angeboten wird. Dieses Urteil des Marktes wird aber in vielen Fällen nicht widerstandslos angenommen. Die reale Lohnstruktur ist daher immer ein “Kompromiss” zwischen unpersönlichen Marktkräften und persönlichen Ansprüchen der betroffenen Arbeitskräfte.

Der Widerspruch gegen das Urteil des Marktes ist aus einem Widerspruch gegen das Ausmaß an Ungleichheit zu erklären, das die Marktkräfte von sich aus hervorbringen würden. Dieser Widerspruch wird nicht nur in politische Entscheidungsprozesse eingebracht, in Gesetze und kollektive Arbeitsverträge, er ist auch ein prägender Faktor des Arbeitsmarktgeschehens auf der Mikroebene. Nicht nur individuelle Arbeitsverträge, auch das alltägliche Verhalten von Arbeitskräften ist von solchen – latenten oder offen artikulierten – Widerständen geprägt. Aus diesem Zusammenspiel zwischen spontanen Marktkräften und den ebenso spontanen Widerständen lässt sich eine umfassende Erklärung des zeitgenössischen Arbeitsmarktgeschehens und insbesondere der zeitgenössischen Arbeitslosigkeit herleiten.

Aus dieser Deutung des Arbeitsmarktgeschehens ergibt sich, dass Arbeitslosigkeit nicht durch Marktprozesse allein überwunden werden kann. Dies wäre nur dann der Fall, wenn das Urteil des Marktes über die Relationen der Arbeitsentgelte von den Arbeitskräften widerstandslos hingenommen würde. Ob, inwieweit und unter welchen Bedingungen dies der Fall wäre, ob und wie also das vollständige Einverständnis der Arbeitskräfte in das Urteil des Marktes erwirkt werden könnte, ist daher die herausragende Frage der Beschäftigungspolitik. Dies führt zu der moralischen Frage hin, ob das Einverständnis in das Urteil des Marktes letztlich von der Politik erzwungen werden oder ob es ein freiwilliges – z.B. durch staatliche Umverteilungsmaßnahmen “erkauftes” – Einverständnis bleiben bzw. werden soll. Ob und auf welche Weise Arbeitslosigkeit bekämpft werden soll, ist insofern weniger ein Gegenstand ökonomischer als ethischer Kontroverse.

Das Lohnstrukturproblem ist die wichtigste Ursache der Arbeitslosigkeit, aber nicht die einzige. Arbeitslosigkeit lässt sich auch als unterlassene Produktion deuten, und ihr Ausmaß hängt insofern davon ob, ob und in welchem Maße Unternehmer Gründe finden, an sich mögliche Produktion zu unterlassen. Ein wichtiger Grund für solche Unterlassung ist das Ausweichen vor unternehmerischen Risiken. Beschäftigungspolitik sollte daher immer auch als sog. präventive Risikopolitik angelegt sein. Diese Erkenntnis hat sich – wenn auch in anderen als den hier gewählten Formulierungen – in der zurückliegenden beschäftigungspolitischen Diskussion weitgehend durchgesetzt. Die hier vorgestellte Erklärung des unternehmerischen Risikoverhaltens (B. Wehner, “Der Arbeitsmarkt im Sozialstaat”, Kap. 2) und der zugehörige risikopolitische Ansatz der Beschäftigungspolitik (“Der Neue Sozialstaat”, Kap. 4.1.) haben auch vor diesem Hintergrund hohe Aktualität.

Die Probleme des Arbeitsmarktes und der Arbeitslosigkeit waren in der Vergangenheit immer auch mit dem Problem der Inflation verknüpft. Die Erfahrung hatte gelehrt, dass ein Abbau der Arbeitslosigkeit von einem gewissen Niveau mit einer Steigerung der Inflationsrate einherging. Dieser Zusammenhang bedarf in einer Theorie der Arbeitslosigkeit einer schlüssigen Erklärung.

Das Beschäftigungsniveau, bei dessen Überschreitung die Inflationsrate zu steigen beginnt, ist aber nicht nur national und regional verschieden, es kann sich auch im Zeitablauf verändern. Für den Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit gibt es insofern keine ein für allemal gültigen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten.

Das Verständnis dieses Zusammenhanges lässt sich aber erheblich vertiefen, wenn man die Motive untersucht, die dem Prozess der Lohnstrukturbildung zugrunde liegen. Die Intensität dieser Motive ist nämlich abhängig von – langfristig veränderlichen – Einstellungen und ideologischen Prägungen der Arbeitsmarktakteure. Ob ein Abbau der Arbeitslosigkeit mit einem Anstieg der Inflation einhergeht, hängt insbesondere von der kollektiven Einstellung zum Phänomen sozialer Ungleichheit ab und darüber hinaus von der Bereitschaft, staatliche Einmischungen in individuelle Lebensumstände hinzunehmen.

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